Wenn das Team sich selbst zum Thema macht
Was Teamentwicklung wirklich bedeutet
Die Anlässe für Teamentwicklung sind sehr vielfältig: Ein Team wurde neu zusammengestellt. Eine neue Führungskraft übernimmt. Aufgaben und Verantwortlichkeiten verändern sich. Konflikte belasten das Miteinander. Schnittstellen zu anderen Bereichen sorgen für Reibungsverluste. Oder ein Team arbeitet gut zusammen, möchte sich aber bewusst Zeit nehmen, um sich weiterzuentwickeln und für zukünftige Herausforderungen gut aufzustellen.
So unterschiedlich die Ausgangssituationen sind, eines haben sie gemeinsam: Für eine gewisse Zeit nimmt sich das Team aus dem Alltag heraus und macht sich selbst zum Thema.
Und genau darin liegt für mich der Kern von Teamentwicklung.
Das Team richtet den Blick auf sich selbst
Im Arbeitsalltag liegt die Aufmerksamkeit auf Aufgaben und Zielerreichung, Kund:innen, Projekten, Terminen, Problemen sowie auf Ergebnissen. Es muss entschieden, koordiniert und umgesetzt werden.
Teamentwicklung ermöglicht einen Perspektivwechsel. Das Team tritt gewissermaßen einen Schritt zurück und richtet den Blick auf sich selbst:
Wofür gibt es uns als Team? Wo wollen wir gemeinsam hin? Wie arbeiten und kommunizieren wir miteinander? Was funktioniert gut, was behindert uns? Und was wollen oder müssen wir verändern?
Teamentwicklung ist für mich eine Maßnahme, in deren Rahmen Teams sich selbst, ihre Ziele und ihre Zusammenarbeit zum Thema machen, reflektieren und bearbeiten. Die Weiterentwicklung des Teams insgesamt steht dabei im Vordergrund.
Das unterscheidet Teamentwicklung auch von Teambuilding. Gemeinsam etwas zu erleben, kann Beziehungen stärken und das Wir-Gefühl fördern. Zum Entwicklungsimpuls wird ein solches Erlebnis aber vor allem dann, wenn ein Team auch reflektiert, was es dabei über sich und seine Zusammenarbeit erfahren hat.
Nicht das gemeinsame Erlebnis allein entwickelt ein Team. Die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Zusammenarbeit macht den Unterschied.
Was kann dabei zum Thema werden?
In meiner Arbeit haben sich unterschiedliche Dimensionen bewährt, anhand derer Teams sich und ihre Entwicklung betrachten können.
Wir und unsere Ausrichtung
Was ist unser gemeinsamer Auftrag? Welchen Beitrag leisten wir für unsere Kund:innen und unser Unternehmen? Was wollen wir gemeinsam erreichen? Fragen nach Daseinszweck, Vision und Zielen erscheinen mitunter selbstverständlich – führen in Teams aber immer wieder zu überraschenden Erkenntnissen.
Wir als Team
Teams bestehen aus Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Erfahrungen, Fähigkeiten, Erwartungen und Bedürfnissen. Gleichzeitig gibt es Funktionen, Rollen, Verantwortlichkeiten und Strukturen. Sind Zuständigkeiten klar? Passen Aufgaben und Kompetenzen zusammen? Wie werden Entscheidungen getroffen? Manches vermeintliche Kommunikations- oder Beziehungsproblem erweist sich bei genauerem Hinsehen als Rollen- oder Strukturproblem.
Wir und unsere Zusammenarbeit
Wie arbeiten und kommunizieren wir miteinander? Wie sprechen wir Dinge an, die nicht funktionieren? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Meinungen, Interessen und Konflikten um? Unterschiedliche Perspektiven können eine wesentliche Stärke eines Teams sein, vorausgesetzt es gelingt, sie sichtbar und für die Zusammenarbeit nutzbar zu machen.
Wir und unser Umfeld
Kein Team entwickelt sich im luftleeren Raum. Teams sind Teil einer Organisation. Sie arbeiten mit anderen Teams und Abteilungen zusammen, haben interne und externe Kund:innen und bewegen sich innerhalb organisationaler Rahmenbedingungen. Deshalb behalte ich auch die Schnittstellen zu anderen Bereichen im Blick: Was brauchen andere von uns und wir von ihnen? Wo funktionieren Übergaben gut, wo entstehen Reibungsverluste? Welche gegenseitigen Erwartungen bestehen?
Eine Lösung, die innerhalb eines Teams funktioniert, kann an einer Schnittstelle gleichzeitig ein neues Problem erzeugen. Teamentwicklung bedeutet deshalb für mich immer auch, das Team als Teil eines größeren organisationalen Zusammenhangs zu betrachten.
Nicht nur Probleme, auch Stärken und Erfolge
Teamentwicklung darf sich jedoch nicht auf die Frage beschränken, was nicht funktioniert. Ebenso wichtig ist der Blick auf das, was bereits gelingt: Was zeichnet uns als Team aus? Welche Herausforderungen haben wir gemeinsam bewältigt? Welche Erfolge haben wir erzielt? Was sollten wir unbedingt bewahren? Und auf welchen Stärken können wir bei unseren nächsten Entwicklungsschritten aufbauen?
So zieht sich eine Kernfrage durch alle vier Betrachtungsfelder: Wo stehen wir heute, was wollen wir bewahren, was verändern und wie wollen oder müssen wir uns weiterentwickeln?
Teamentwicklung beginnt vor dem eigentlichen Workshop
Welches Anliegen führt dazu, dass gerade jetzt eine Teamentwicklung stattfinden soll? Was soll nach dem Prozess anders sein als davor? Und welche übergeordneten Ziele verbindet der Auftraggeber damit?
Ausgehend von Anliegen, Problemstellung und Zielsetzung entwickle ich eine mögliche Vorgehensweise, die passenden Inhalte und Methoden und stimme diese mit dem Auftraggeber oder der Auftraggeberin ab.
Deshalb gleicht auch keine Teamentwicklung der anderen. Prozess und Design müssen zum jeweiligen Team, seiner Situation und den vereinbarten Zielen passen.
Ein Beispiel aus meiner Beratungspraxis zeigt, wie umfassend Teamentwicklung sein kann.
In einem großen Kongresszentrum wurde die Leitung eines Bereichs neu besetzt. Eine der dort angesiedelten Abteilungen war das Eventmanagement. Neben der Stärkung von Teamgeist und Zusammenarbeit ging es darum, auf Basis einer überarbeiteten Strategie klare Ziele für die Mitarbeiter:innen abzuleiten, Strukturen anzupassen und eine förderliche Teamkultur weiterzuentwickeln.
Daraus entstand ein Teamentwicklungsprozess über ein Jahr mit insgesamt sechs Workshoptagen. Das Team setzte sich mit seinem Daseinszweck und USP, seinen Zielen, Rollen und Funktionsbeschreibungen auseinander. Prozesse und Meetingstrukturen wurden weiterentwickelt, ebenso Kommunikation, Werte und Teamspielregeln. Auch Resilienz, gemeinsame Erfolge und gegenseitige Wertschätzung waren Thema.
Entscheidend war nicht nur die Abfolge der Workshops. Zwischen den Terminen konnte das Team neue Vereinbarungen und Strukturen im Arbeitsalltag erproben. In begleitenden Gesprächen mit der Auftraggeberin wurden die Erfahrungen reflektiert und die folgenden Workshops immer wieder angepasst. So konnte jeweils das bearbeitet werden, was für den nächsten Entwicklungsschritt tatsächlich relevant war.
Das Beispiel zeigt: Teamentwicklung kann weit über die Verbesserung des unmittelbaren Miteinanders hinausgehen. Sie verbindet, je nach Ausgangssituation, Fragen von Strategie, Struktur und Kultur und wird damit zu einem Stück Organisationsentwicklung.
Und nicht jede Teamentwicklung lässt sich in einem einzigen Workshop abschließen. Manche Entwicklungsziele brauchen einen Prozess, in dem Reflexion, Erprobung im Arbeitsalltag und erneute Reflexion aufeinander folgen.
Teams kann man nicht von außen entwickeln
So sorgfältig ein Teamentwicklungsprozess vorbereitet und gestaltet wird: Die eigentliche Entwicklungsarbeit kann eine externe Beraterin einem Team nicht abnehmen.
Teams werden nicht von außen entwickelt. Sie entwickeln sich selbst. Meine Aufgabe sehe ich darin, dafür einen sicheren Raum und einen tragfähigen Rahmen zu schaffen, in dem das Team gemeinsam reflektieren kann, und auch unterschiedliche Wahrnehmungen und Sichtweisen ausgesprochen werden können.
Gleichzeitig braucht dieser Raum Struktur. Als externe Teamentwicklerin moderiere ich den Prozess bewusst, stelle Fragen, rege zum Analysieren und Nachdenken an, mache Zusammenhänge und unterschiedliche Perspektiven sichtbar und behalte die vereinbarten Ziele im Auge.
Und: Ein guter Austausch allein ist noch keine gelungene Teamentwicklung. Am Ende stellt sich immer auch die Frage: Was folgt daraus?
Klarheit schaffen mit Herz, Hand und Fuß
Meine Arbeitsweise beschreibe ich seit vielen Jahren mit den Worten „Klarheit schaffen mit Herz, Hand und Fuß“.
Klarheit bedeutet, Auftrag und Ziele zu klären, Zusammenhänge zu analysieren, unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar und Erkenntnisse bewusst zu machen sowie Struktur und Orientierung zu geben.
Mit Herz bedeutet, Menschen zu beteiligen, ihnen zuzuhören und unterschiedliche Sichtweisen ernst zu nehmen. Entwicklung lässt sich nicht verordnen. Sie braucht Menschen, die bereit sind, sie mitzutragen und mitzugestalten.
Hand und Fuß bekommt Teamentwicklung dort, wo aus Reflexion konkrete Vereinbarungen und Handlungen entstehen. Erkenntnis ist wichtig. Entscheidend ist aber, was anschließend damit getan wird.
Denn letztlich geht es nicht nur darum, miteinander zu arbeiten, sondern die Zusammenarbeit immer wieder bewusst neu zu gestalten. Teamentwicklung liefert einem Team also nicht die Antwort darauf, wie es sein sollte. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass ein Team selbst erkennen kann, wo es steht, wohin es sich entwickeln möchte und was es dafür verändern muss.